Wiggos Oval (Osymetric im Test)

Als aktiver Rennfahrer bin ich stets auf gutes Material und etwaige Vorteile, die man sich dadurch aneignen kann, bedacht. Diesbezüglich sind nicht nur Aerolaufräder oder dergleichen, sondern insbesondere auch der Antrieb des Fahrrades von besonderem Interesse. Ein maßgebliches Teil für die Kraftübertragung und das Fahrgefühl sind die Kettenblätter. Die überwiegende Mehrheit der Kettenblätter sind rund und unterscheiden sich fast nicht voneinander. Interessant wird es, wenn man den Mainstream verlässt und sich mit ovalen Kettenblättern auseinandersetzt. Kann man sich durch den Einsatz von ovalen Kettenblättern einen Vorteil verschaffen?

Diesbezüglich bot sich mir vor längerer Zeit die Möglichkeit die von Rotor angebotenen Q-Rings zu testen. Den dazugehörigen Review findet ihr hier. Ich persönlich bin die Kettenblätter mehrere Monate gefahren und habe sie dann schlussendlich wieder gegen meine runden 53/39 Kettenblätter ausgetauscht. Da ich der Meinung war, dass alle ovalen Kettenblätter die auf dem Markt verfügbar sind mehr oder weniger gleich sind, war für mich damit das Thema ovalen Kettenblätter erstmal gegessen. Dieser Standpunkt änderte sich nicht, bis ich im Juli 2012 zufällig auf eine dreiwöchige Fernsehserie aufmerksam wurde, die unheimlich schöne Landschaftsbilder aus Frankreich zeigt. In der finalen Folge wurde sogar Paris und der Arc de Triumphe behandelt. Beim verfolgen dieser Fernsehserie fielen mir mehrere Sachen auf:

1. In Frankreich haben die Leute sehr viel Zeit, da gefühlt das halbe Land entweder am Straßenrand stehen und jubelt oder die Leute in Figuren auf ihren Feldern tanzen.

2. Anscheinend gibt es in Frankreich sehr viele gute Radfahrer, denn fast immer konnte man einen oder mehrere im Blickfeld der Kamera erkennen.

Besonders interessant fand ich einen engagiert fahrenden Herrn im gelben Trikot und einen weiteren Mann in einem Schwarz-Blau-Weißen Trikot, die immer Seite an Seite fuhren. Interessant war ebenfalls, dass ihre Kettenblättern, sehr oval aussahen. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass es sich bei der Fernsehserie um ein dreiwöchiges Radrennen handelte und die beiden Herrschaften die Plätze eins und zwei belegten (kleiner Scherz am Rande). Als ich das gesehen hatte, dachte ich mir was für Wiggo gut ist, dass ist sicher auch gut für mich. Somit war mein Interesse an ovalen Kettenblättern wieder geweckt. Mich interessierte insbesondere wie sich die, im Vergleich zu den Q-Rings, noch radikalere und ovalisierte Form der Osymetric Kettenblätter auswirkt.

In diesem Zusammenhand finde ich folgende Internetseite, auf der sich mehrere wissenschaftliche Veröffentlichungen mit dem Thema Noncircular Chainrings beschäftigen. Ebenfalls interessant ist ein weitere Untersuchung die ihr hier finden könnt.

Zur Einführung in das Thema der ovalen Kettenblätter befasst sich der nächste Abschnitt kurz mit dem runden Tritt und der Theorie hinter den ovalen Kettenblättern. Wer den Review der Q-Rings bereits gelesen hat, kennt diesen Abschnitt bereits und kann ihn getrost überspringen.

 

Die Theorie des runden Tritts

Wie bereits erwähnt, wird im Rahmen der Optimierung und Ökonomisierung des Radfahrens ein großes Augenmerk auf den runden Tritt gelegt. Dies bedeutet, dass der Tretzyklus in vier Phasen unterteilt wird (Druckphase, Gleitphase, Zugphase und Schubphase).

Wie den vier unterschiedlichen Bezeichnungen bereits zu entnehmen ist, wird die Kraft des Fahrers in den verschiedenen Phasen einer Kurbelumdrehung auf wechselnde Weisen auf das Pedal übertragen.

 

imagelinke Abbildung (1): Kräftezerlegung; rechte Abbildung (2): Wirkende Kräfte beim Pedallieren

 

Zur Erklärung folgt ein kurzer Ausflug in die Mechanik:

Wie in Abbildung 1 dargestellt ist, lässt sich jede Kraft, welche in eine Richtung wirkt in einzelne Kraftvektoren aufteilen. So lässt sich die Kraft Fg, welche weder parallel zur X- oder Y-Achse verläuft, in zwei Kraftvektoren in X- (Fx) und Y-Richtung (Fy) aufteilen. Nach dem gleichen Schema lässt sich die auf ein Pedal aufgebrachte Kraft, wie in Abbildung 2, aufteilen. Die zwei vorherrschenden Kräfte werden hier mit Fr und Ft bezeichnet. Da sich der Vortrieb eines Fahrrades durch die Drehung der Kurbel ergibt, ist jede auf das Pedal aufgebracht Kraft, welche diese Bewegung nicht fördert, überflüssig. In Abbildung 2 führt die Kraft Fr nur zu einer theoretischen Längung des Kurbelarms und einer Belastung des Tretlagers, jedoch trägt sie nichts zum Vortrieb bei. Einzig die Kraft Ft führt zur einer rotatorischen Bewegung der Kurbel und treibt das Fahrrad an. Mit dem runden Tritt versucht man in jeder Phase eines Tretzyklusses die Kraft Fr zu minimieren, sodass möglichst die gesamte aufgebrachte Kraft, der Kraft Ft entspricht und dem Vortrieb dient.

Nachdem wir uns dies verdeutlich haben, ist die Aufteilung des Tretzyklusses ebenfalls verständlicher. Betrachten wir die Kurbel analog dem Zeiger einer Uhr, so sind die für den Vortrieb aufzubringenden Hauptkräfte die Druckkraft nach unten (1:30 bis 4:30 Uhr Position), Zugkraft nach hinten (4:30 bis 7:30 Uhr Position), Zugkraft nach oben (7:30 bis 10:30 Uhr Position) und die Schubkraft nach vorne (10:30 bis 1:30 Uhr Position). Idealerweise gehen diese Phasen fließend ineinander über.

 

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Die vier Phasen eines Tretzyklusses

 

Vorteil ovaler Kettenblätter:

Der Vorteil der ovalen Kettenblätter ist es, dass diese dem Sportler helfen die ungleiche Kraftentfaltung des menschlichen Körpers auszugleichen und so den runden Tritt zu fördern. Da der Mensch in der Druckphase die größte Kraft aufbringt und diese durch den Zug des anderen Beines noch gesteigert werden kann, herrschen die Hälfte der Zeit einer Kurbelumdrehung optimale Kraftverhältnisse. Der Problembereich im Tretzyklus sind die oberen und unteren Totpunkte (Schub- und Gleitphasen). In diesen kann der Mensch, im Vergleich zur Druckphase, nur eine sehr viel kleinere Kraft auf das Pedal ausüben.

Dieses Problem wurde erkannt und die Hersteller versuchen nun durch eine Variation des Durchmessers des Kettenblattes die menschlichen Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Der größte Durchmesser, der am Markt erhältlichen ovalen Kettenblätter, liegt in den Druckphasen an. Dies ist der Fall, da der Sportler in diesem Bereich die größte Kraft auf das Pedal aufbringen kann. Auf diese Weise wird es dem Sportler ermöglicht seine gesamte Kraft optimal in Vortrieb umzuwandeln. Hat der Sportler die optimalen Bereiche verlassen, verringert sich der Durchmesser des Kettenblattes. Auf diese Weise liegt in den suboptimalen Bereichen ein kleinerer Gang an, welcher es ermöglicht diesen Bereich der Kurbelumdrehung mit geringerem Kraftaufwand und schneller zu durchfahren.

 

 

Meine Erfahrungen mit den Osymetric Kettenblättern

Im Vergleich zu den meisten anderen Kettenblättern auf dem Markt erscheinen die Osymetric Kettenblätter, bei genauerer Betrachtung, etwas einfacher in Ihrem Aufbau. Wo bei anderen Herstellern eine große Anzahl an kleinen Vorsprüngen und Nieten am Kettenblatt als das „nonplusultra Steighilfesystem“ verkauft werden, weisen die Qsymetric Kettenblätter keine solche Eigenschaften auf. Die Kettenblätter sind auf beiden Seiten absolut flach und haben optisch den Auftritt eines Aerokettenblattes, da Ihnen auch jegliche Aussparungen fehlen. Lediglich ein kleiner Kettenfänger wird auf der Außenseite des großen Kettenblattes eingeschraubt, damit die Kette nicht zwischen Kurbel und Kettenblatt fallen kann. Sie sind sauber und solide verarbeitet und das Design ist schlicht, aber bestimmt.

Im Lieferumfang befinden sich neben den beiden Kettenblättern eine Montageanleitung, zwei Kettenfänger (rahmenseitig und kurbelseitig), die dazugehörige Montageschraube und ein speziell angefertigtes Aluminiumstück, mit dem man den Abstand zwischen der Aufnahme eines Anlötumwerfers und dem Umwerfer vergrößern kann.

 

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Die Montage der Osymetric Kettenblätter ist denkbar einfach. Es ist einzig auf den korrekten Abstand des Umwerfers zu den Kettenblättern zu achten. Hierzu muss gegebenenfalls der mitgelieferte Aluminiumadapter verwendet werden. Ansonsten unterscheidet sich die Montage nicht zu anderen Systemen.

 

Fahrgefühl

Beim vergangenen Test der Q-Rings von Rotor ist mir persönlich beim Fahren nicht aufgefallen, dass ich ein ovales Kettenblatt fahre. Daher hatte ich ähnliche Erwartungen an die Osymetric Kettenblätter. Erstaunlicherweise fiel mir die Ovalität hier viel mehr auf. Dies liegt sicher auch an der, im Vergleich zu den Q-Rings, noch ovaleren und nicht symetrischen Form. Man merkt bei der ersten Ausfahrt zu Anfang deutlich, dass die Kettenblätter von der 12 Uhr Position bis zur 17 Uhr Position kontinuierlich an Umfang zunehmen und sich dann von der 17 Uhr Position bis zur 18 Uhr Position wieder auf den geringeren Anfangsdurchmesser verkleinern. Das Gefühl ein ovales Kettenblatt zu fahren verschwand nach kürzester Zeit. Witziger Weise ist, das Gefühl runde Kettenblätter zu fahren, nach dem man sich an die Osymetric Kettenblätter gewöhn hat, sehr komisch. Denn nun fühlen sich die runden Kettenblätter oval an. Welch eine Ironie…

 

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Bild oben: Vergleich Q-Rings mit Osymetric Aussenseite

Bild unten: Vergleich Q-Rings mit Osymetric Innenseite

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Das Schalten mit diesen Kettenblättern stellte für mich kein Problem dar. Es ist klar, dass ein Kettenblatt mit solchen Durchmesserunterschieden und einer dementsprechenden Kettenführung im Umwerfer, nicht so smooth schaltet wie eine Dura Ace Gruppe. Die etwas schlechtere Schaltperformance konnte ich aber ohne Probleme durch eine überarbeitete Schaltstrategie kompensieren. So ist es sinnvoll bei einem Schaltvorgang zwischen den Kettenblättern etwas weniger Druck auf das Pedal auszuüben um ein problemloses Schalten zu ermöglichen. Bei flachen oder leicht hügligen Rennen schaltet ich nie auf das kleine Blatt und wenn ein Berg kommt weiß man nach kürzester Zeit wie man das Schalten timen muss, um keine Probleme zu haben. Selbst das Schalten vom großen auf das kleine Kettenblatt in einem Anstieg ist kein großes Problem. Lediglich der umgekehrte Schaltvorgang, also vom kleinen auf das große Kettenblatt in einem Anstieg, benötigt etwas Fingerspitzengefühl. Wenn man aber darum weiß, sollte man damit auch keine großen Probleme haben.

Ich persönlich fahre die Osymetric Kettenblätter mit einer DI2 Gruppe und hatte keinerlei Probleme. Ich nehme an, dass die Erfahrungen von der elektronischen Gruppe auf die mechanische Gruppe übertragen werden können.

Bezüglich der Fahreigenschaften der Osymetrics fielen mir vor allem auf, dass man beim Einfahren in einen Anstieg viel länger als die Konkurrenten (mit runden Kettenblättern) auf dem großen Kettenblatt bleiben kann. Auch im weiteren Verlauf eines Anstiegs empfand ich die unterschiedliche Lastverteilung im Tretzyklus als äußerst angenehm. Subjektiv empfand ich meine Leistung in Anstiegen dadurch besser. Dies konnte ich aber nicht objektiv überprüfen und somit auch nicht belegen.

Beim Einsatz im flachen Gelände, in Straßenrennen und Kriterien empfand ich kurze und harte Intervalle (2 min Attacke o. Ä.) angenehmer durch den Einsatz von Osymetric Kettenblättern. Aber auch dies ist mein subjektives Empfinden und kann leider nicht belegt werden. Beim Sprinten konnte ich keine Veränderung zu den normalen Kettenblättern feststellen. Weder konnte ich besser Sprinten, noch veränderte sich meine maximale Leistung im Sprint.

 

Zusammenfassend ist meine Erfahrung mit den Osymetric Kettenblättern sehr positiv. Ich konnte keine Nachteile gegenüber runden Kettenblättern finden, mit denen ich nicht leben kann. Mein gesteigertes Wohlempfinden in Steigungen und kurzen intensiven Intervallen hat dazu geführt, dass ich die Qsymetric Kettenblätter bis zum heutigen Tag fahre. Ich kann jedem nur empfehlen diese Kettenblätter einmal auszuprobieren. Eine Möglichkeit hierzu wird hier geboten.

Wiggos Oval (Osymetric im Test)
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    #1 Artikel von Ralf Heidl  (Vor 2 Jahren)

    Hallo Christian , wie meinst Du “ Lockeres fahren mit O`syms geht bescheiden“.

    LG LOOK Pedale :-))).

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    #2 Artikel von Christian  (Vor 4 Jahren)

    Habe heute einen 12 km ZF Test mit den frisch montierten Osyms gemacht. Mein Power2Max zeigte mit 328 Watt knapp 20 Watt mehr im Schnitt an als vor 14 Tagen, obwohl ich bewußt dick gekettet hatte und etwas untertourig unterwegs war (80 rpm). Entweder ich habe einen sprunghaften Formanstieg oder der P2M spinnt oder die Osyms funktionieren. Auf jeden Fall fühlt es sich bei dicken Gängen sehr gut an. Lockeres schnelles Kurbeln ging allerdings bescheiden.

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